Dienstag, 10. Oktober 2017

Underground Railroad von Colson Whitehead

Ein düsteres Kapitel amerikanischer Geschichte – ein aufwühlendes Thema nüchtern erzählt

Die junge Cora lebt, wie andere unzählige Schwarze auf einer Baumwollplantage in Georgia. Ihre Leben besteht aus harter, mühsamer Arbeit, Leid und Quälerei. Die Plantagenbesitzer behandeln ihre Sklaven oft schlimmer als Tiere. Viele träumen von Flucht und einem freien Leben. Eines Tages erfährt Cora durch einen anderen Sklaven von dem geheimen Fluchtnetzwerk Underground Railroad. Zusammen mit ihm gelingt es der jungen Schwarzen zu fliehen. Ob am Ende ihrer gefährlichen und strapaziösen Reise wirklich die Freiheit wartet?


„Underground Railroad“ von Colson Whitehead ist mir aufgrund seiner derzeitigen Popularität aufgefallen, erfolgreich, hochgelobt und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, ein Roman den man gelesen haben muss. Mich hat die Lektüre mit zwiespältig und aufgewühlt zurückgelassen.

Erzählt wird die Geschichte der Sklavin Cora, der die Flucht von einer Baumwollplantage in Georgia mit Hilfe des Netzwerks Underground Railroad gelingt. Whitehead stellt dieses Netzwerk im Buch als eine fiktive Eisenbahnlinie untertage dar. In Wahrheit erhielt das Netzwerk seinen populären Namen, weil man sich der Ausdrücke aus der Welt der Eisenbahn bediente, um so verschlüsselte Botschaften zu übermitteln. So war zum Beispiel „Station“ eine Unterkunft für Flüchtlinge und die Flüchtenden bezeichnete man als „Passengers“. 

Die Erlebnisse, die Cora auf ihrer beschwerlichen Reise miterleben muss, sind eine Aneinanderreihung von Grausamkeiten. Menschen sterben, werden brutal niedergemetzelt, erhängt, missbraucht. Die flüchtenden Sklaven und ihre Helfer erleiden unvorstellbare Qualen. 

Colson Whitehead gönnt Cora keine Pause, auf ihrer Flucht quer durch Amerika erlebt sie Unvorstellbares, immer die Hoffnung auf Freiheit im Herzen. Whitehead lässt Bilder im Kopf entstehen, die einem nicht kalt lassen können, Bilder, die berühren, schockieren und wütend machen. Und immer mit dem Wissen, dass dies alles grausame Realität war: Menschen wurden zu Sklaven aufgrund ihrer Hautfarbe, wurden gefoltert, verkauft und misshandelt. 

Dennoch hatte ich stellenweise Mühe, dieses Buch zu lesen. Es fiel mir teilweise schwer, der Geschichte konzentriert und gespannt zu folgen. Bei aller Emotionalität, die dieses Thema hervorruft, hat mich der nüchterne, fast neutrale Erzählstil nur vereinzelt erreicht. Die Protagonisten, egal ob Sklave, Helfer oder Plantagenbesitzer, sind wenig greifbar, distanziert, fast möchte ich sagen farblos. 



„Underground Railroad“ von Colson Whitehead ist meiner Meinung nach zurecht mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. Das Thema „Diskriminierung“ egal in welcher Form ist stets aktuell. Sogenannte „Feindbilder“ sind in den Köpfen vieler Menschen allgegenwärtig, sie bieten das Ziel um Hass zu projizieren und Gewalttaten zu rechtfertigen. Auch wenn mich „Underground Railroad“ aufgrund seiner nüchternen Erzählweise nicht wirklich emotional berühren konnte, so ist das Buch dennoch großartige, lesenswerte und wichtige Literatur. Es beschreibt anspruchsvoll eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Amerikas. Leider sind Folter und Diskriminierung verfolgter Menschen keine Fehler aus unserer geschichtlichen Vergangenheit. Die gleichen Vergehen werden nach wie vor überall auf der Welt begangen.




Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum Erstausgabe: 21.08.2017
Fester Einband 352 Seiten
Sprache: Deutsch

Kommentare:

  1. Hallo,

    diese Thematik ist doch eigentlich so dramatisch, dass man als Erzähler auch emotional werden muss. Ich verstehe nicht, wie der Autor hier neutral und distanziert schreiben kann.

    Ich werde das Buch mal im Laden ansehen.
    Danke für die Rezi.

    Liebe Grüße und kuschelige Lesezeit für dich,
    Barbara

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    1. Hallo Barbara,
      ich habe das auch nicht verstanden und dachte erst, ich bin schon so abgebrüht. Aber ich habe dann gesehen, dass es anderen Rezensenten auch so ging. Aber jeder empfindet natürlich anders, vielleicht berührt es Dich ja?

      Viele Grüße Kerstin

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  2. Huhu liebe Kerstin,

    die Rezension hast du wirklich grandios geschrieben. Ich konnte mir direkt ein Bild davon machen, wie du das Buch empfunden hast und worum es darin ging. Bisher habe ich noch nicht viel von diesem Buch mitbekommen, aber du hast mich gerade sehr neugierig darauf gemacht.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass die Erzählungen teilweise sehr heftig sind und schwer ans Gemüt gehen. Trotzdem finde ich es echt Schade, dass der nüchterne Schreibstil das Lesen erschwert. Mittlerweile hatte ich bereits öfters Bücher in der Hand, die von sehr emotionalen und sensiblen Ereignissen der Menschheitsgeschichte berichten und bei denen ich mich wegen des Erzählstils von der Geschichte distanziert habe.

    Auf jeden Fall werde ich das Buch mal im Auge behalten und mir die Leseprobe mal dazu durchlesen, vorausgesetzt es wird eine angeboten. Dann kann ich nochmal für mich herausfinden, wie ich mit dem Schreibstil zurechtkomme. Vielen Dank für diese wundervolle Rezension. <3

    Ganz liebe Grüße
    Leni

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    1. Liebe Leni, vielen Dank für Dein Lob. Solche Kommentare freuen mich immer sehr und man weiß, dass man mit seinen Rezensionen andere Menschen anspricht. Das Buch ist lesenswert, keine Frage, nur emotional hat es mich eben nicht gepackt. Dennoch ist es wichtig, dass solche Bücher geschrieben werden!

      Liebe Grüße
      Kerstin

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